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Ethikseminar und Lambaréné

March 17th, 2009. Published under Gabon. No Comments.

Ende Januar kamen 3 Medizinethikdozenten (2 aus Tübingen und einer aus Hannover) und der Auslandsbeauftragte der medizinischen Fakultät Tübingen nach Gabun, um hier ein Ethikseminar zu organisieren. Eigentlich sollte dieses Seminar eine ganze Woche gehen, wurde dann aber auf einen Tag gekürzt und in Lambaréné statt in Libreville abgehalten, weil es auf gabunischer Seite mal wieder “größere organisatorische Probleme” gab.


Der Aufenthalt der Gruppe in Libreville ist Teil eines DAAD Projekts, in dessen Rahmen Lehre und angewandte Medizinethik in Gabun entwickelt und gefördert werden sollen. An der medizinische Fakultät in Gabun gibt es noch kein Ethikinsitut und so haben die Studenten auch keinen Kurs der Medizinethik. Genausowenig gibt es Ethikkomitees an den Krankenhäusern, die sich mit schwierigen klinischen Fällen befassen.


Am Dienstag (20.01.) habe ich die Gruppe am Flughafen abgeholt und danach sind wir noch zusammen Essen gegangen. Sie waren alle sehr interessiert, was ich von meinen Erfahrungen aus dem Krankenhaus zu berichten hatte. Besonders interessierten sie natürlich die ethischen Aspekte, so z.B. wie das Arzt-Patient Verhältnis hier ist und wie mit den knappen Ressourcen umgegangen wird.


Am Donnerstag (22.01.) fand dann das Ethikseminar in Lambaréné statt. Es war eine bunt gemischte Gruppe: Krankenschwestern, Professoren, Medizinstudenten und Doktoranden. Das Thema war “éthique de la recherche biomedical au Gabon”, also Ethik der biomedizinischen Forschung in Gabun. Nach kurzen Einführungen wurden Fallbeispiele vorgestellt und diese anschließend in Gruppen diskutiert.


Hier ein Beispiel:

Westliche Pharmakonzerne führen große klinische Studien zur Zulassung von Medikamenten in Afrika durch, auch wenn die Zielgruppe für das Medikament oft der reiche Westen ist. Dies wird gemacht, weil klinische Studien in Entwicklungsländern billiger organisiert werden können, sich leichter Probanden rekrutieren lassen und manche Medikamente nicht aufwendig gegen schon verfügbare Medikamente getesten werden müssen sondern das neue Produkt gegen ein Plazeboprodukt verglichen werden kann. Bei einem kleinen Rollenspiel zu dieser Problematik wurden Pro- und Contra-Gruppen gebildet, die die Position der Pharmakonzerne bzw. der afrikanischen Länder vertreten sollten. Dabei fand ich es wirklich erstaunlich, dass einige der anweseneden Gabuner auch nach diesem Rollenspiel, in wirklich grundlegenden Fragen andere Positionen vertraten als der “Durchschnittseuropäer” und dem Westen eine Art “ethischen Imperialismus” vorwarfen, indem dieser dem Rest der Welt seine ethischen Vorstellungen aufdoktriniert. Ich bin selbst immer davon ausgegangen, dass es nicht verschiedene ethische Maßstäbe für Europa und Afrika geben kann – sprich eine klinische Medikamentenstudie, die bei uns aus ethischen Gründen nicht gemacht werden kann, sollte auch in Afrika nicht gemacht werden können. Dies wurde von einem Gabuner, mit dem ich mich noch länger unterhielt wehement verneint. Er meinte, dass man unsere ethischen Maßstäbe nicht ohne weiteres auf Afrika übertragen kann, weil sich hier durch Tradition und Kultur ein anderes Menschenbild entwickelt hat und darin die Gruppe oft mehr zählt als das Individuum. Es herrscht also grob ein utilitaristischer Konsens in der Bevölkerung, dem das Individualwohl untergeordnet wird. Daraus entstehen auch in der Realität komische Konstellationen. Pharmafirmen bekommen das OK von afrikanischen Ländern und deren Ethikkomitees, dort Studien durchzuführen, weil das Land durchaus davon profitiert. Es sind nun oft westliche Ethiker, die diese Studien anprangern und von Ausnutzung und Missbrauch der ärmeren Länder sprechen, obwohl sich die Afrikaner oft gar nicht übergangen oder benachteiligt fühlen.

Nach dem Ethikkurs wurden die Diskussion bei einem gemeinsamen Essen fortgesetzt. Es war ein sehr interessanter Tag, mit ganz neuen Einblicken in gabunische Wertvorstellungen.


Ich bin dann noch bis Sonntag in Lambaréné geblieben. Am Freitag war ich nun schon zum dritten Mal im Albert Schweitzer Museum, aber ich habe wieder neue Sachen entdeckt. Abends war eine kleine Party von den “Schweitzern” (die Leute, die beim Albert-Schweitzer-Krankenhaus arbeiten) und am Samstag haben wir eine Bootstour zu einem nahegelegenen See (Lac Evaro) gemacht. Dabei sind wir erstmal ca. 2 Stunden auf dem riesigen Ogooué flussabwerts gefahren. Die Natur war wieder sehr beeindruckend. Den breiten Fluss säumte rechts und links der mächtige Regenwald in den bzw. aus dem heraus immer wieder bunte Vögel flogen. Am Lac Evaro angekommen besichtigten wir ein verlassenes Hotel auf einer Insel. Der Besitzer ist 2007 gestorben und es hat sich bis jetzt niemand gefunden, der dieses Hotel weiter führen will. Es war nur ein Wachmann auf der Insel. Er wechselt sich mit ein paar anderen ab, die alle jeweils für einen Monat alleine auf diese einsame Insel gebracht werden und dort ohne Strom und fließend Wasser das verlassene Hotel bewachen. Es herrschte eine komische Stimmung, weil alles noch relativ gepflegt und neu aussah, aber einfach kein Mensch da war. Wie als wäre das Hotel hastig verlassen worden. Es werden immer wieder Besucher dorthin gebracht, weil die Familie des verstorbenen Besitzer hofft so einen Käufer zu finden. Wir hatten etwas zu Essen mitgebracht und vesperten dort gemütlich bei absoluter Stille. Auf dem Rückweg dämmerte es schon und wir genossen die Abendstimmung auf dem tollen Ogooué Fluss.


Am Sonntag nach ausführlichem Brunch bei Nicole und Matthias vom Schweitzer Labor ging es dann wieder nach Libreville.

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