Dr. D.

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Das CHL “en grève”

May 18th, 2009. Published under Gabon. No Comments.

Am 19.01. habe ich eine Famulatur auf der Intensivstation im CHL (Centre Hospitalier de Libreville, wo ich auch schon 2 ½ Monate auf der Inneren Medizin famuliert habe) angefangen. Ich wusste schon, dass das CHL vom „personel paramedicaux“, also dem nichtärztlichen Personal (Pflege, technische Assistenten,…) bestreikt wird und deswegen nur ein „service minimum“ gewährleistet wird.

Dass dies aber heißen sollte, dass keine neuen Patienten mehr aufgenommen werden sollten, wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht.
So bekam ich in meiner 1-monatigen Famulatur sage und schreibe 4 Patienten zu sehen. Die Intensivstation wurde komplett geschlossen. Zwei Wochen später wurde – bis auf die Notaufnahme – das komplette Krankenhaus geschlossen. Das CHL ist die größte und wichtigste medizinische Einrichtung im gesamten Land, weil es vergleichsweise günstig und somit der breiten Bevölkerung zugänglich ist. Streikgründe waren unter anderem die schlechten Arbeitsbedingungen und das zu geringe Gehalt. Bis heute dauert der Streik an. Das heißt das CHL ist jetzt schon sage und schreibe 4 Monate “en grève”.
Am Anfang kam noch die komplette Ärzteschaft und auch die Studenten trotz des Streiks regelmäßig auf Station. Es wurden klinische Fallbeispiele besprochen und Referate zu medizinischen Themen gehalten. Sonst unterhielt man sich oft über Sinn und Zweck des Streiks und Politik. Zwei Wochen später ließ die Motivation aber bei allen beteiligten nach und „man schaute halt mal auf Station vorbei“. Am Ende meiner Famulatur wurde die Pforte zur Station nicht mehr aufgeschlossen und es kam kein Mensch mehr.
In meiner Zeit auf der Intensivstation habe ich daher mehr über Land, Leute und das politisches System gelernt als über Medizin. Es ging nur schwer in meinen Kopf wie sich ein solcher Zustand ergeben kann. Einmal mehr – wie bei so vielen Missständen in diesem Land – konnte aber wieder die Korruption mit ihren durchdringenden Seilschaften in Politik und öffentlichem Leben als Verursacher ausgemacht werden. Ich war wieder einmal erschrocken, dass mehr oder weniger alle Menschen, mit denen ich darüber geredet habe, mir die gleichen Gründe nannten, die gleichen Probleme identifizierten und sich über die aktuelle Situation beschwerten. Als ich oft naiv sagte: „Dann ändert doch was!“ bekam ich nicht mehr als ein lächeln. Dieses korrupte System hat sich in diesem Land über lange Zeit entwickelt und es profitieren viele Menschen davon, die etwas ändern könnten. Fast jeder hat in der Familie – und die „afrikanische“ Familie ist ja bekanntlich groß – jemanden, der im System steckt und davon profitiert. Es ist wirklich frustrierend zu sehen, wie das gabunische Volk vor der Korruption kapituliert hat. Jeder große Oppositionelle ist bis heute entweder ausgewandert oder hat irgendwann seine Ideale verkauft, sitzt als einer der 29 Minister mit dem Präsidenten am Tisch und ist Teil dieses Systems geworden. Er fährt dann seinen Porsche Cayenne und braucht sich keine Sorgen um seine und die Zukunft seiner Kinder zu machen. Diese werden egal ob intelligent oder nicht an einer angesehenen Universität im Ausland studieren und „Chef“ von irgendetwas in Gabun werden. Sei es in der „freien“ Wirtschaft oder in der Politik. Sie werden nicht „Chef“ weil sie die größte Qualifikation oder Eignung für diesen Posten mitbringen, sondern weil ihr Vater der Minister im Hintergrund ist und die entsprechenden Leute kennt. Dass ein solcher „Chef“ dann ein Unternehmen oder eine andere Einrichtung gut führt ist natürlich fraglich, zumal „Chef“ sein hier heißt „ich muss weniger arbeiten und darf kommen und gehen wann ich will“.
Bei dieser erdrückenden Realität ist es erstaunlich wie lebensfroh die meisten Gabuner sind und sich trotz allem mit der Situation arrangieren.

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